Farbenfreude

Skizzenbuch

Nicht Mitleid und Höflichkeit allein sollten uns nachsichtig stimmen gegen die mannigfaltigen Erscheinungsformen des religiösen Wunderglaubens. Wer Katholiken, Horoskopfans, Schützenbrüder, Stadt-Indianer, Chiromanten, Tarotspieler und Kräuterweiblein über die rationale Schiene kaltzustellen versucht, trägt zur Ausbleichung unseres Lebensalltags bei.

Mag auch der Verstandgeleitete nur Narretei, Wahn- und Wunschgebilde in der Kirmes-Mystik ebenso wie in den alten und neuen irrationalen Welterklärungsversuchen erkennen, die sich die verschiedenen Kulturen im Laufe ihrer Geschichte zurechtgezimmert haben, unser Leben verlöre an Farbe und Vielfalt, wenn man alle, die lieber glauben als erkennen wollen, auf ihre Vernunft verpflichtete. Marienwallfahrer, Holzgewehrträger und Faschingsmasken beleben das Straßenbild viel schöner als Geschäftsleute und Rentner in Konfektionskleidung.

Unbedingt erhaltenswert also die tradierten Religionen wie auch jede andere Folklore, schon um den wachsenden Nivellierungstendenzen und der Sinnenfeindlichkeit der Computerwelt entgegenzuwirken.